Haimo L. Handl

Kolumne NETCULT im COMPUTER JOURNAL  Ausgabe 3/2000:

Schulen ans Netz



"Schulen ans Netz!" klingt nicht nur gut, sondern überzeugt die meisten auch als aktuelle, berechtigte Forderung.

Wien- Die Devise eignet sich in ihrer griffigen Kürze aber auch dazu, missverstanden zu werden, die Komplexität der Problematik zu überdecken und adäquate Lösungsmöglichkeiten zu übersehen So wird der Slogan zum Ausweis einer falschen Flucht nach vorne, einer übereilten Alibihandlung, die leicht ebenso unergiebig werden könnte, wie viele andere Aktionen zuvor.

Das Internet stellt nicht nur eine technische Einrichtung dar, es ist vor allem eine sich rasch weiterentwickelnde Kulturtechnik. Eine Technik ist ein Werkzeug bzw. eine Verfahrensweise mittels Werkzeugen zum Erreichen bestimmter Ziele. Technik ist somit niemals reiner Selbstzweck. Lesen und Schreiben sind Kulturtechniken, deren Beherrschung zwar Voraussetzung zum Erwerb unseres Bildungsgutes darstellt, aber noch keine Garantie.

Information ist nicht gleich Wissen. Informationsverarbeitung kann, aber muss nicht zur Wissensbildung führen. Wissen ist nicht ein Additionsresultat, ist keine Anhäufung von "Funden". Ohne jetzt auf die verschiedenen Wissensarten (Orientierungs- oder Handlungswissen, intuitives, a priori oder a posteriori Wissen) hier einzugehen sei nur festgehalten, dass Wissen der sinnvollen Verbindung der gespeicherten Elemente oder Bestandteile bedarf.

Damit also Alltagseindrücke, Imaginationen, Projektionen, Informationen usw. zu Wissen werden können, müssen Kulturtechniken sinnvoll eingesetzt werden. Je besser man solche Techniken beherrscht, desto effizienter und ökonomischer kann der Wissenserwerb und die Wissenspflege erfolgen. Es ist ähnlich dem Sport: je geübter, trainierter jemand ist, desto eher sind Spitzenleistungen möglich. Sieht man vor diesem Hintergrund sich nun die Forderung "Schulen ans Netz" an, ahnt man, wenn man es nicht schon weiß, dass die technische Ausstattung mit Computern, Modems und Netzzugängen zwar eine Voraussetzung schafft, nicht jedoch automatisch die anvisierten Resultate liefert. Die können sich erst aus der Nutzung ergeben.

Damit solche Investitionen, falls sie jetzt finanzierbar wären, fruchten, müssten natürlich parallel dazu Schulungen erfolgen: des Lehrpersonals, der Schüler. Aber es genügt nicht, in den Schulen den Netzzugang zu installieren, es müssen alle Schüler auch daheim leicht Zugang zum Internet haben, um eine Klassenteilung in Privilegierte und Arme zu vermeiden. Doch hier zeigt sich ein Finanzproblem: nicht allen Eltern oder Haushalten wird die Anschaffung der Hardware möglich sein. Und die Online-Tarife sind immer noch viel zu hoch! Es bedarf breiter Finanzierungshilfen und einer drastischen Gebührensenkung, die sich vielleicht, dank der Privatisierung, doch noch einstellen wird.

Die technischen Einrichtung und oberflächlichen Methodikausbildung allein ist aber zuwenig. Es geht um ein erweitertes Medienverständnis: die neue Kulturtechnik muss breit eingeübt werden, wie früher die uns jetzt vertrauten. Der leichte Zugang zu enormen Wissensmengen, gespeicherten potentiellen Informationen, verlangt Kenntnisse der Selektion, Bewertung, Kombination usf. wie sie jetzt oder früher schon jeder geübte Leser brauchte, wollte er mit Zitaten, Verweisen, Informationspartikel sinnvoll umgehen. Der Unterschied zum Netz liegt vor allem in der Quantität und Geschwindigkeit. Was hier ein Vorteil ist, auch ein ökonomischer, wird leicht zur Bürde: wer die Kulturtechnik nicht wirklich erlernt, verliert sich leicht, gibt sich mit Prefabriziertem zu schnell, zu unkritisch ab.

Das Paradoxon ist, dass die Neuen Medien zwar die herkömmlichen Grenzen von Raum und Zeit verschieben oder aufheben, den Vorteil daraus können aber aber nur jene ziehen, die davon wissen und sich neben der nötigen Orientierung auch die erweiterte Nutzungsfähigkeiten angeeignet haben. Geht die Medieninnovation einher mit einem ermöglichten, wirklich breiten Zugang zum Netz, hat die Bildungspolitik eine neue Chance! Damit sie nicht vertan wird, dürfen nicht nur der technische oder finanzielle Aspekt im Auge behalten werden.

Haimo L. Handl

Literaturverweise:
NEUE RUNDSCHAU
Heft 2/2000: Netculture
SCHWEIZER MONATSHEFTE
Heft 5/2000: Schwerpunkt Zeitbewirtschaftung durch Internet